Kurze Geschichte der Weimarer SPD

Matthias Bettenhäuser
Frühjahr 2000

Historischer Abriß der Weimarer SPD
Von der Gründung bis zum Zusammenschluß zur SED

Der Aufsatz stützt sich auf Material des Weimarer Stadtarchivs, vorrangig Veröffentlichungen und Sekundärliteratur vor 1989. Insbesondere für die Zeit 1918-1946 scheint es in Bezug auf die Sozialdemokratie in Weimar noch erhebliche Forschungslücken zu geben.

Einführung

Ähnelte Weimar zu Beginn des 19. Jh. in seiner Sozialstruktur anderen Städten, so wies es im Verlauf der nächsten Jahrzehnte in seiner Industrialisierung und damit seiner Zahl an Arbeitern Defizite auf. Der Weimarer Großherzog verhinderte bewußt, daß sich größere Industriebetriebe in größerer Zahl in Weimar ansiedelten. Als Regierungsstadt war Weimar mehr eine Stadt der Verwaltungsbeamten, der Pensionäre und der Handwerker, ein Ort des bürgerlich-kulturellen Lebens. In Weimars Nähe waren keine Rohstoffe zu finden; es blieb trotz des Eisenbahnanschlusses in der Industrialisierung hinter anderen Städten Thüringens, z. B. Erfurt, Apolda und Altenburg, zurück. Auch nach der Novemberrevolution änderte sich nichts an der Situation. Die Ernennung Weimars zur Landeshauptstadt des Freistaates Thüringen führte eher zu einer Zunahme der Beamten. Entsprechend dieser Voraussetzungen war Weimar nie Ort einer besonders starken, revolutionären, proletarischen SPD. Vielmehr spielten Handwerker und Verwaltungsangestellte eine wichti-gere Rolle. Die Absicht der folgenden Seiten ist es, einige wichtige Daten und Aspekte der Weimarer Sozialdemokraten näher zu beleuchten.

1. Anfänge der Arbeiterbewegung 1800-1868

Die Anfänge der organisierten Arbeiterbewegung geht auf die Bewegung der wandernden Handwerksgesellen zu Beginn des 19. Jh. zurück. Handwerksgesellen zo-gen nach ihrer Ausbildung für mehrere Jahre durch Deutschland und angrenzende Länder. Auf diese Weise wurden sie nicht nur mit regionalen, sozialen Problemen, sondern auch mit Gedanken konfrontiert, welche Lösungen zu diesen Problemen suchten.

Die Bewegung der wandernden Handwerksgesellen stand unter dem Einfluß des Bundes der Geächteten, der aus der französischen Julirevolution von 1930 hervorgegangen war. Seine Mitglieder traten für demokratische und parlamentarische Strukturen in der Gesellschaft ein. Für die deutschen Verbündeten kam der Wunsch nach einem geeinten Vaterland als Forderung hinzu. Weimarer Mitglieder des Bundes der Geächteten waren, so weit man weiß, der Konditorgehilfe Heinrich Ortelli und der Drechslermeister Ernst Grosch. Im ganzen deutschen Reich waren die Mitglieder wegen ihrer aufrührerischen Gedanken den herrschenden Herzögen und Fürsten ein Dorn im Auge, so daß sie unter dem Vorwurf der Aufwiegelung und des Hochverrats gegen die Geächteten vorgingen. So wurde auch Ortelli zu zwei Jahren Haft verurteilt.

1836 ging aus dem Bund der Geächteten der Bund der Gerechten hervor, von dem sich später, 1847 der Bund der Kommunisten abspaltete. Handwerksgesellen schufen sich überall in Deutschland eigene Organisationen, die meist nur illegal existieren konnten. In Weimar entstand z. B. die Brüderschaft der Sattler. Auch ihre Mitglieder mußten für ihr Engagement kurze Haftstrafen verbüßen.

Eine wichtige Rolle in der deutschen, weniger der Weimarer Arbeiterbewegung Mitte des 19. Jh. spielte Friedrich Leßner. Leßner, 1825 in Blankenhain geboren, lernte für vier Jahre in Weimar das Schneiderhandwerk, bevor er auf Wanderschaft ging. In Hamburg geriet er in Berührung mit dem dortigen Arbeiterbildungsverein. Bald darauf entzog er sich dem Wehrdienst und ging nach London, wo er Mitglied des Bundes der Gerechten und später des Bundes der Kommunisten wurde. Hier lernte er Karl Marx und Friedrich Engels kennen. Leßners Aufgabe wurde daraufhin die drucktechnische Realisierung der Herausgabe des Kommunistischen Manifests.

„Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dieses Gespenst verbündet, der Papst und der Zar, Metternich und Guizot, französische Radikale und deutsche Polizisten.“ Das Kommunistische Manifest erschien am Vorabend der Revolution von 1848, die bald ganz Deutschland ergriff und den Aufständischen ein Programm gab. In Weimar kam es am 8. und 11. März 1848 zu Demonstrationen auf dem Marktplatz und Schloßhof. Die sich versammelnden Handwerker und Arbeiter forderten neben einer einigen, unteilbaren deutschen Republik die Absetzung der Regierung im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach. Der Großherzog gab dem Druck teilweise nach, bildete die Regierung um, gewährte Pressefreiheit und führte eine Amnestie für politische Gefangene durch.

Im Laufe des Jahres 1848 entstanden in Weimar wie in ganz Deutschland nun legal Arbeiterorganisationen. Meist handelte es sich um Hilfs- und Unterstützungsvereine. Man half auf diese Weise sich untereinander bei Krankheit oder der Familie eines Verstorbenen Mitgliedes. Neu war im Dezember 1848 die Gründung einer Weimarer Arbeiterorganisation, die im Unterschied zu anderen Vereinen Handwerksgesellen und Arbeiter verschiedener Berufe umschloß und teilweise erste politische Forderungen stellte. In Weimar entstanden um 1860 erste Arbeitervereine, meist Gewerkschafts- und Bildungsvereine. Die Bildungsvereine standen in der Tradition des Bildungsideals der Aufklärung. Es gab in Weimar z. B. einen Ortsverein für Buchdrucker und Schriftgießer, eine Unterstützungskasse der Tischler- und Drechslergesellen, einen Unterstützungs- und Hilfsverein der Handarbeiter zu Weimar und einen Handarbeiterverein Oberweimar und Ehringsdorf.

In der zweiten Hälfte des 19. Jh. konzentrierten sich Arbeiter zunehmend in den größeren Städten. Der wirtschaftliche Aufschwung ließ zahlreiche neue Industriebetriebe entstehen, die das Industrieproletariat anzogen und konzentrierten, was sich wiederum organisierte. Die herrschenden Schichten erkannten, daß von den neugegründeten Organisationen der Handwerker und Arbeiter nicht nur Kritik, sondern mit der Forderung nach Demokratisierung auch Gefahr für die bestehenden Verhältnisse ausging. Bald nach den Errungenschaften der Märzrevolution versuchten sie die demokratischen Bestrebungen nach Möglichkeit zu unterdrücken. Ausgehend von Kölner „Kommunistenprozeß“ 1852, bei dem der Weimarer Leßner wegen eines angeblichen Komplotts mit mehreren Personen mit dem Ziel, die Staatsverfassung umzustürzen, zu drei Jahren Festungshaft verurteilt wurde, führte die Regierung von Sachsen-Weimar-Eisenach im gleichen Jahr das Klassenwahlrecht wieder ein und erließ 1856 ein Vereinsgesetz, das politische Regungen erschwerte.

2. Gründungsphase der Sozialdemokratie 1868-1900

Die Reichseinigung von 1871 führte zu einem allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland. In Weimar entstanden die ersten größeren Betriebe. Dazu zählten die Thüringische Ofen- und Tonwarenfabrik (beschäftigte 1890 100 Arbeiter), die Weimarische Bau- und Parkettfußbodenfabrik (1900 300 Arbeiter), die Pianofabrik (1877 100 Arbeiter) und die Dampfziegelei Wilhelm Schleyer (1890 300 Arbeiter). Kennzeichnend für die Zeit waren harte Arbeitsbedingungen der Industrie- und Handwerksarbeiter. Die Arbeitszeit betrug mindestens 12 h, manchmal bis zu 17 h, einschließlich Sonntag. Die allgemein gutgestellten Buchdrucker kämpften 1886 um die Einführung des 10 Stunden-Tages. Erst 1891 wurde die Sonntagsruhe für Handwerksgesellen obligatorisch. Um 1890 kamen verstärkt Facharbeiter aus anderen Städten insbesondere aus Leipzig nach Weimar. Bei den Neuen handelte es sich überwiegend um Sozialdemokraten.

Die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) 1863 unter Führung von Lassalle war auf die Weimarer Arbeiterschaft ohne Einfluß geblieben. Durch die Gründung der 1. Internationale (1. Internationale Arbeiter-Assoziation), in deren Generalrat neben Marx und Engels auch der Weimarer Leßner saß, wurde der Prozeß der Lösung der Arbeitervereine vom Einfluß der bürgerlich-demokratischen Kreise vorangetrieben. Auf der 5. Generalversammlung des Verbandes der deutschen Arbeitervereine 1868 in Nürnberg waren die Weimarer organisierten Arbeiter erstmals mit einem Delegierten vertreten. Der Gedanke zur Gründung einer selbständigen Partei nahm immer konkretere Züge an. August Bebel sprach am 11. Juni 1869 erstmals in Weimar über die Gründung einer Arbeiterpartei. Wenige Wochen später, vom 7. bis 9. August des gleichen Jahres, wurde die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands in Eisenach gegründet. An der Gründungsversammlung nahmen vier Delegierte aus Weimar in Vertretung von 300 organisierten Arbeitern teil (F. Artmann, Centralverein Weimar, 130 Mitglieder; Friedrich Giertz, Internationale Holzgenossenschaft Weimar, 20 Mitgl.; Karl Kraft, Arbeiterverein Weimar, 100 Mitgl.; Geometer Müller, Arbeiterverein Weimar, 50 Mitgl.). Der Versuch 1882 zur Zentralisation und Gründung eines landesweiten Verbandes der Sozialdemokraten scheiterte vorerst, nachdem er vor allem von älteren Genossen abgelehnt worden war.

Um 1868 wurde die örtliche Parteiorganisation der Sozialdemokraten, der Sozialdemokratische Wahlverein, in Weimar und drei ihr nahestehende Gewerkschaften gegründet. Dem Parteivorstand gehörten Geometer Müller, Carl Kettel, Friedrich Wilhelm Ufert und der Uhrmacher Friedrich Giertz an. 1873 erschien eine eigene Zeitung der Weimarer SPD. Der „Thüringer Volksbote“ wurde von Carl Kettel gegründet und verlegt. Kettel (1848-1940), der später der zentristischen Position in der SPD angehörte, war eine der zentralen Persönlichkeiten der Partei vor Ort. Er holte August Baudert von Apolda nach Weimar und stellte andernorts Ausgewiesene bei sich ein und gab ihnen Arbeit. 1875 war er Delegierter auf dem Gothaer Parteitag. Wilhelm Ufert kandidierte bei den Reichstagswahlen 1874 und 1877 für die Weimarer SPD. Nachdem die SPD bei den Reichstagswahlen 1867 nur 1,5 Prozent der Stimmen erhalten hatte, errang er 1877 in Oberweimar die Mehrheit und erreichte in der Stadt Weimar ein Viertel der Stimmen. Bei den Reichstagswahlen am 25. Juni 1898 erreichte die SPD erstmals eine Mehrheit im gesamten Wahlbezirk und wurde seitdem durch August Baudert im Reichstag vertreten.

Das leichtere Agieren der Arbeiterorganisationen seit Mitte des 19. Jh. war jedoch nicht uneingeschränkt. Immer wieder erließ die Thüringer Regierung Ministerialverordnungen zur strengen Überwachung von politischen Versammlungen. Trotz der Einschränkung der Rechte wuchs der Einfluß der Arbeiterpartei.

Um ähnliche Entwicklungen im gesamten deutschen Reich entgegenzuwirken, erließ die Reichsregierung 1878 das Sozialistengesetz. Gezwungener Maßen löste sich auch die Weimarer Parteiorganisation unter strenger Überwachung und Ausweisung einiger Parteigenossen auf. Doch schon im Januar 1879 konstituierte sie sich als Arbeiterbildungsverein neu. Die Veranstaltungen unter Polizeiaufsicht erschwerten die illegale Arbeit, z. B. Vertrieb von marxistischer Literatur und von Flugblättern. Immer wieder kam es zu Ausweisungen, Haussuchungen und Überwachungen. Zur Vorbereitung der Reichstagswahl 1884 gründeten Weimarer Arbeiter einen „Verein zur Wahrung der Interessen der Arbeiter“. In nur drei Jahren führten sie 50 öffentliche Veranstaltungen durch. Mit ihrem Einfluß auf die Arbeiter gewannen die Sozialdemokraten 1884 genauso viele Stimmen wie 1878. 1886 wurde der Arbeiter-Verein Weimar im Lokal Schießhaus gegründet. Der Verein leistete als Arbeiterorganisation während des Sozialistengesetzes Hilfe bei Krankheiten und Todesfällen. Zur Verschleierung der Tätigkeit wurde ein Gesangsverein und ein Theater- und ein Kegelklub gegründet. Politische und wissenschaftliche Vorträge waren nicht möglich. Als nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes Gewerkschaften, Parteien und Arbeitersportvereine neu entstanden, schlief der Verein wieder ein.

Bei der Gemeindewahl am 17.11. 1885 wurde Friedrich Giertz als erster Abgeordneter der Weimarer Arbeiter in den Gemeinderat der Stadt gewählt. Bis zur Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 wurden in Weimar mehrere Gewerkschaftsorganisationen in Weimar gegründet. Der 1. Mai wurde im Lokal Kühn gefeiert und am 15. Juli 1890 der erste Parteitag der Parteiorganisation des Wahlkreises (Weimar-Apolda-Ilmenau-Allstedt) im Schießhaus von 200 Genossen eröffnet, noch bevor das Sozialistengesetz abgelaufen war. 1893 sprach wieder August Bebel in Weimar, diesmal im Schwanseeschlößchen in einem überfüllten Saal.

3. Konsolidierung 1900-1918

Während die Industrialisierung die Zahl der Arbeiter in den meisten deutschen Städten ansteigen ließ, war sie in Weimar wegen der nur wenigen Industriebetriebe leicht rückläufig. 1901 gehörten der SPD 120 Mitglieder, 1909 560 Mitglieder, davon 150 Frauen an.

Um die Jahrhundertwende gehörten rund 1000 Weimarer Arbeiter Gewerkschaften an. Andere waren in sozialdemokratisch geprägten Arbeiterorganisationen wie in der Freien Turnerschaft (1893 von Karl Kettel gegründet), bei den Arbeiter-Radfahrern „Frisch auf“ (1896 gegründet) und im Freundschaftssängerbund (einem der wichtigsten sozialdemokratischen Sammlungsvereine während des Sozialistengesetzes) organisiert. Weitere Organisationen waren der Konsum-Verein, die sozialistische Arbeiterjugend, die Arbeiter-Ferienreisen, die Volkshochschule, die Weimarer Freie Volksbühne und die Arbeiter-Schutzkommission. Die Mitglieder der SPD selbst waren meist kleine Geschäftsleute, Handwerksmeister und nur wenige Arbeiter. Sozialdemokraten und Gewerkschafter fanden schwer Arbeit, oft war es schwierig, ein Versammlungslokal zu finden. Die viele Arbeit der Partei lastete auf wenigen Personen.

Immer wieder kam es in den ersten Jahren des 20. Jh. zum Verbot von Versammlungen und Demonstrationen. Eine Gedächtnisfeier für Wilhelm Liebknecht gefährdete nach Meinung des Gemeindevorstandes das „öffentliche Wohl“ und durfte nicht durchgeführt werden. Rosa Luxemburg wurde wegen einer „revolutionären“ Rede zum politischen Massenstreik auf dem Jenaer Parteitag 1905 vor der Strafkammer des Weimarer Gerichts am 12. Dezember 1906 zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Dennoch fanden die Revolution in Rußland 1905/07 und der Ruhrbergarbeiterstreik Anfang 1905 die Unterstützung der Weimarer Sozialdemokraten. Ihre Aktionen richteten sich gegen eine verschärfte Aufrüstung und Ausbeutung, für demokratische Volksrechte und Unterstützung der Wahlrechtskämpfe in Preußen. Häufige Streiks, z. B. der Zimmerer, Schuhmacher, Schneider, Maurer und Bauarbeiter, Maler und Anstreicher galten vorrangig der Durchsetzung besserer Arbeitsbedingungen.

Versammlungsort der Weimarer Sozialdemokraten war Ende des letzten Jahrhunderts das Lokal Kühn in der Teichgasse 12, das spätere Hoffmannsche Kaffeehaus. Nachdem das Vorhaben, an Stelle des Kaffeehauses ein Arbeiterhaus zu errichten, an Protesten der Herderkirche und einiger Bürger gescheitert war, konnte 1908 als zentraler Ort der Arbeiterveranstaltungen das Volkshaus errichtet werden. August Baudert gründete die Volkshausgenossenschaft zur Unterstützung des Baus durch Spenden, damit durch den Hausbau endlich ein großer Saal für Veranstaltungen der Arbeiterschaft und des Arbeiter-Bildungsausschusses zur Verfügung stünde. Im Volkshaus sprachen u. a. am 2. Februar 1911 Clara Zetkin, am 14. September 1911 Karl Liebknecht und am 3. Januar 1912 Rosa Luxemburg. Am 10. Januar 1901 konstituierte sich hier die Weimarer Arbeiterjugendorganisation. Das Volkshaus wurde zum politischen und kulturellen Zentrum der Weimarer Arbeiterbewegung. Auch der Arbeiter-Bildungsausschuß führte in dem noch heute existierenden Gebäude seine Veranstaltungen durch.

Bis 1900 herrschte in der Thüringer und Weimarer SPD die Ablehnung des Revisionismus vor. Leßner hielt auf den Internationalen wie auch in späteren Jahren die Fahne gegen „antikollektivistische Proudhonisten“ aufrecht und bekämpfte die revisionistische Theorie Bernsteins. Noch im August 1901 hatte die SPD Thüringens eine Resolution verabschiedet, in der sie die Revisionsbestrebungen des Genossen Bernstein auf das entschiedenste ablehnt und auffordert, sich am wissenschaftlichen Sozialismus nach Marx und Engles, wie es im Erfurter Programm festgelegt wurde, zu orientieren. Doch ab der Jahrhundertwende paßte sich die offizielle Haltung der oft reformorientierten Politik der Sozialdemokraten in den Parlamenten an. Ab 1901 waren Schlüsselpositionen in der thüringischen durch sogenannte „Revisionisten“ besetzt, die, begünstigt durch die Wahlerfolge der SPD, ein Hineinwachsen der bestehenden bürgerlichen Gesellschaft in den Sozialismus durch friedliche Reformen vertraten.

Während der Ortsverein der SPD, der immer eher revisionistisch eingestellt war, die Zustimmung des Weimarer SPD-Reichstagsabgeordneten August Baudert zu den Kriegskrediten unterstützte, demonstrierte die Weimarer Arbeiterjugend gegen Imperialismus und für Karl Liebknecht, der sich im Reichstag gegen die Kriegskredite ausgesprochen hatte. Die Weimarer Arbeiterjugend nahm Verbindung zur „Gruppe Internationale“ auf, die später mit anderen linken Gruppen die Spartakusgruppe gründete. Am 11. Juni 1916 fand in Weimar das Treffen revolutionärer Jugendgruppen statt. Die zahlenmäßig schwache Arbeiterschaft beteiligte sich jedoch nicht an den Aktionen.

Die Ortsgruppe der Weimarer SPD leitete die deutsche Arbeiterbewegung vom Lassalleanischen ADAV her. 1913 wurde ein „50-Jahr-Feier“ anläßlich dessen Gründung durchgeführt. Die Schwäche linker Kräfte in der Weimarer SPD zeigte sich u. a. daran, daß ein im April 1916 der Mitgliederversammlung des Sozialdemokratischen Vereins vorgelegter Resolutionsentwurf zur „Krise in der Sozialdemokratie“ als zu weitgehend keine Unterstützung fand. Als 1917 Führungskräfte der SPD, die die Kooperierung der SPD-Reichstagsfraktion mit der kriegsführenden Reichstagsregierung nicht mehr mittragen wollten, die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) gründeten, hatte das keinen Einfluß auf Weimar. Eine Ortsgruppe der USPD gab es erst Ende 1918. Während des 1. Weltkrieges gab es keine nennenswerten Aktionen gegen den Krieg in Weimar, da nicht nur das Potential des Industrieproletariats fehlte, sondern der Widerstand in Weimar durch die zurückhaltende Haltung der SPD, Inhaftierungen und Einberufungen zum Heer geschwächt war. Die sozialdemokratischen Abgeordneten im Weimarischen Landtag Baudert und Leber verlangten zwar eine Rücktritt des Großherzogs und eine Parlamentarisierung unter Beibehaltung wesentlicher Strukturen der Gesellschaft, wandten sich sonst jedoch gegen eine revolutionäre Umwälzung.

4. Weimarer Republik 1918-1933

Die Novemberrevolution, die mit dem Aufstand der Kieler Matrosen am 3. November 1918 ihren Anfang genommen hatten, erreichte am 8. November 1918 Weimar. Soldaten der 6. Ersatzkompanie des Infanterie-Regiments 94, die Anhänger der Spartakusgruppe aus Jena waren, gründeten einen Soldatenrat. Sie forderten die Abdankung des Kaisers und des Großherzogs, die Beendigung des Krieges und die Errichtung einer sozialistischen Republik. Am Abend des Tages fand ein Demonstrationszug unter Beteiligung von Arbeitern vom Goetheplatz zur Hauptwache am Schloß statt, wo eine Kundgebung stattfand. In der Nacht vom 8. zum 9. November 1918 übernahm der Soldatenrat die Macht, entwaffnete das Bürgertum und besetzte wesentliche Stellen der Stadt, insbesondere die Post. Soldaten des Militärflugplatzes Nohra schlossen sich der Revolution an und warfen Flugblätter des Soldatenrates über dem Lande ab.

Am 9. November 1918 setzte sich der Sozialdemokrat August Baudert an die Spitze eines provisorischen Arbeiterrates und verhandelte mit der großherzoglichen Regierung und dem Großherzog. Am Abend des gleichen Tages dankte der Großherzog ab, die Beamten der wichtigsten städtischen Einrichtungen blieben aber im Amt. Einen Tag später wurde der Arbeiterrat unter der Führung von Baudert von sozialdemokratischen Arbeitern bestätigt. Die am 11. November 1918 erfolgten Neuwahlen des Soldatenrates stärkten die gemäßigten Sozialdemokraten, da die der Spartakusgruppe angehörenden Soldaten nach Jena zurückkehrten. Am 12. November 1918 wurde auf einer konstituierenden Versammlung von Arbeiter- und Soldatenrat Baudert als Staatskommissar für Sachsen-Weimar-Eisenach eingesetzt.

Zwei Wochen später wurde er an der Spitze der Landesregierung bestätigt. Neben ihm gehörten Julius Palm aus Weimar und vier weitere Sozialdemokraten (Paul Leutert/Apolda, Louis Hild/Eisenach, Joseph Kose/Eisenach und Ali Oswald/Ilmenau) als Beigeordnete der bis zum 20. Mai 1919 amtierenden provisorischen Landesregierung an. Als eine der ersten Maßnahmen der Regierung wurden die Rechte der Arbeiter- und Soldatenräte im Land beschnitten und für die Wahl einer verfassungsgebenden Nationalversammlung plädiert. Die Mitte und Ende November heimkehrenden Soldaten, häufig Anhänger der Spartakusgruppe, bildeten eine etwa 40 Mann starke Sicherheitswehr, die aber keinen nachhaltigen Einfluß auf die SPD und die Räte mehr hatte. Am 1. Dezember 1918 wurde der 8 Stundentag und ein Mindestlohn von 75 Pf eingeführt sowie die Gesindeordnung von 1899 abgeschafft.

Da linken Kräften in der SPD die Ergebnisse des Novembers nicht weit genug gingen, gründete sich in Weimar am 27. Dezember 1918 in Weimar eine Ortsgruppe der USPD, deren Kern zunächst rund 40 Personen der Sicherheitswehr bildeten. Die am 1. Januar 1919 gegründete Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) besaß erst ab dem 1. Mai 1919 eine eigene Ortsgruppe in Weimar. Ihr schloß sich am 13. Mai 1919 ein Großteil der Mitglieder der USPD an. Der Versuch einer Vereinigung von SPD und USPD in Weimar am 25. Januar 1919 war ohne Ergebnis geblieben.

Zu den Stadträten der SPD Mitte der 20er Jahre zählten u. a. der Buchbindermeister Bruno Keck, die Milchhändlerin Friederike Krüger, Sekretär Emil Friedrich, Studienrat Dr. Fritz Behr, Ministerialdirektor Dr. jur. Hermann Louis Brill, Tischler Oskar Grobe, Hugo Hose, Marie Zajac, Anna Eckardt und Kriegerwitwe Anna Ulrich. Der Reichstagsabgeordnete August Baudert war in den 20er Jahren Vorsitzender der Weimarer SPD.

Vom 6. Februar 1919 bis zum 31. Juli 1919 tagte in Weimar die verfassungsgebende Nationalversammlung, die wegen der Unruhen und potentiellen Gefahren revolutionärer Gruppen von Berlin in das ruhigere Weimar verlegt wurde.
Als im März 1920 Reichswehr und Polizei unter der Führung Kapps versuchten, die Republik gewaltsam zu stürzen, reagierten auch die Weimarer Arbeiter mit Protesten und Streik. Am 13. März 1920 bildeten KPD und SPD einen Aktionsausschuß gegen den Kapp-Putsch mit dem Ziel, die Arbeiter zu bewaffnen und die Konterrevolutionäre zu entwaffnen. Die Proteste verliefen weitgehend gewaltfrei. Dennoch kam es am 15. März 1920 zu einer Schießerei vor dem Volkshaus, bei dem acht Personen getötet wurden. Vier Tage später zogen Sicherheitspolizei und Reichswehr aus Weimar ab; die alte Regierung wurde wieder eingesetzt. Weitere Forderungen des Aktionsbündnisses, z. B. Aufbau einer Volkswehr, Demokratisierung der Verwaltung, Einsetzung von Volksgerichten usw., konnten wegen unterschiedlicher Positionen von KPD und SPD nicht umgesetzt werden. 1922 wurde für die Gefallenen des Kapp-Putsches das von Walter Gropius entworfenen Denkmal auf dem neuen Friedhof eingeweiht.

Die Lage der Arbeiter zu Beginn der 20er Jahre verbesserte sich kaum. Immer wieder kam es zu Streiks und Protestkundgebungen der Arbeiter gegen ihre Verelendung. Mehrfach demonstrierten die Waggonbauer, die Transportarbeiter und die Bauarbeiter. Die Zahl der Arbeitslosen stieg im Laufe des Jahrzehnts. Nach einem ersten Hoch im Sommer 1921, als fast ein Drittel der Arbeiter erwerbslos war, hatten im März 1925 800 Weimarer keine Arbeit. Zu Beginn der Weltwirtschaftskrise Ende 1929 wurden 1422 Erwerbslose verzeichnet; ihre Zahl stieg bis 1932 auf 3843. Damit war jeder vierte Arbeitnehmer arbeitslos.

Auf der politischen Ebene fand die junge Demokratie in Thüringen keine Ruhe. Die am 16. Oktober 1923 nach dem Rücktritt der alten Regierung am 28. Juli 1923 gebildete sozialdemokratisch-kommunistische Landesregierung unter Ministerpräsident August Frölich in der Hauptstadt Weimar wurde seitens der Reichsregierung nicht geduldet, um einen drohenden Bürgerkrieg zwischen proletarischen Hundertschaften und bürgerlichen Widerstand abzuwenden. Am 2. November 1923 marschierte die Reichswehr in Thüringen ein, besetzte Weimar sechs Tage später und erklärte den Ausnahmezustand. Die Proletarischen Hundertschaften der KPD sowie die Partei selbst wurden verboten; kommunistische Regierungsmitglieder mußten in die Illegalität gehen. Bei der für den Februar des folgenden Jahres anberaumten Neuwahl des Landtages bildeten alle bürgerlichen Parteien unter dem Namen Ordnungsbund eine Einheitsliste, die ihnen zum Sieg verhalf.

Die unruhige politische Landschaft Thüringens, die insbesondere in Weimar kein besonders starkes sozialdemokratisches Milieu aufweisen konnte, bot gerade den emporstrebenden Nationalsozialisten einen fruchtbaren Boden. Im Juli 1926 hielt die NSDAP in Weimar ihren 2. Reichsparteitag ab. Anfang der 30er Jahre kam es seitens der Sozialdemokraten (und der Kommunisten) zu wiederholten Demonstrationen gegen die seit dem 23. Januar 1930 amtierenden 1. Landesregierung mit Ministern der NSDAP (Wilhelm Frick und Willy Marschner). Am 6. November 1930 demonstrierten beispielsweise Hunderte unter der Losung „Demokratie gegen Faschismus“. Rund 2.000 Personen nahmen an der abschließenden Kundgebung teil. Obwohl die Frick-Regierung am 1. April 1931 nach namentlicher Abstimmung durch Mißtrauensanträge der SPD-Abgeordneten gestürzt wurde, konnten die Arbeiter nicht verhindern, daß ab dem 27. August 1932 mit Fritz Sauckel ein Nationalsozialist an der Spitze der Landesregierung stand. Nachdem schon unter den nationalsozialistischen Ministern die Arbeit der demokratischen Parteien stark beeinträchtigt war, nahm der Terror der Nationalsozialisten nach der Machtübernahme in Thüringen immer mehr zu.

Noch 1930 war die SPD zweitstärkste Partei in Weimar mit einer Wählerzahl um die 6.000. Ihren Kampf gegen die Nationalsozialisten organisierte sie hauptsächlich im 1924 gegründeten Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, einem Zusammenschluß von SPD mit dem Zentrum und der Demokratischen Partei (Staatspartei) zum Schutze von Verfassung und Republik. Der Reichsbanner bekämpfte gleichermaßen KPD und NSDAP als Parteien, die die Beseitigung der Weimarer Republik anstrebten. 1927 wurde die Bannerweihe der Ortsgruppe Weimar durchgeführt, 1930 gehörten ihm ca. 300 Mitglieder an.

Bis 1933 veranstalteten SPD und KPD gemeinsame Demonstrationen zu den alljährlichen Maifeiern. Die Ansprachen wurden fast immer von einem SPD-Genossen ge-halten. Am 6. Oktober 1930 gründeten kommunistische, sozialdemokratische und parteilose Arbeiter eine Ortsgruppe des Kampfbundes gegen den Faschismus, die erste in Thüringen, der zu Monatsende 200 Mitglieder angehören. Noch im Januar 1933 schlossen sich die sozialdemokratischen und kommunistischen Abgeordneten des Stadtrates gegen die Mehrheit der Nationalsozialisten zusammen.

Der gemeinsame Widerstand kam jedoch zu spät, denn nachdem die KPD schon verboten war, schieden am 8. April 1933 auch die SPD-Stadtratsmitglieder zwangsweise aus dem Stadtrat aus. Kurz darauf besetzten SA und SS das Volkshaus und führten in allen Stadtteilen und in den Vororten bei über 100 SPD-Mitgliedern Haussuchungen durch. Sie beschlagnahmten Druckschriften, vier Personen wurden festgenommen, das Vermögen der SPD und die Einrichtung ihres Bezirksbüros beschlagnahmt und die Bankkonten gesperrt. Am 23. Juli 1933 wurde die SPD verboten. Der sozialdemokratische Widerstand in Weimar konzentrierte sich nun auf die konspirative Arbeit der Gruppe Kurt Nehrling – Hans Eberling. Nehrling wurde nach einer Denunziation am 22. Dezember 1943 im Konzentrationslager Dachau hingerichtet.

5. Während und nach dem 2. Weltkrieg

Ein halbes Jahr nach dem Verbot der SPD begann vor dem Landgericht Thüringen das Dienstverfahren gegen Hermann Brill. Ihm wurde „Treuepflichtverletzung und Gehorsamsverweigerung“ vorgeworfen. Brill lehnte es ab, aus der SPD auszutreten. 1938 wurde er von der Gestapo verhaftet und Ende 1943 in das KZ Buchenwald eingeliefert. Auch hier setzte Brill seine illegale Parteiarbeit fort. Am 5. Juli 1944 wurde er auf der ersten Sitzung des illegalen Volksfrontkomitees zum Vorsitzenden gewählt.

In den Wirren der ersten Nachkriegswochen waren die Übergänge zwischen Landes- und Orts-SPD wie schon gelegentlich früher in der Hauptstadt Weimar fließend. Brill suchte nach dem Krieg eine neue Organisationsform für die Sozialdemokraten zur Erreichung der Einheit der Arbeiterschaft und gründete gemeinsam mit anderen Sozialdemokraten den Bund demokratischer Sozialisten Thüringens. Nur wenige Wochen später mußte er sich den neuen Realitäten und dem Druck der sowjetischen Militärkommandantur beugen. Er stimmte der Bildung eines Landesverbandes Thüringen der SPD zu und wurde am 8. Juli 1945 zu dessen Vorsitzenden gewählt.

Am 8. August bildeten die Ortsleitungen von KPD und SPD einen gemeinsamen Ortsausschuß und beschlossen die gemeinsame Durchführung von Versammlungen. Ab Mitte September erschien die „Tribüne - Sozialdemokratische Landeszeitung für Thüringen“ in Weimar. Nach dem Herausdrängen Brills aus dem Landesvorstand der SPD durch die sowjetische Kommandantur betrieben KPD und die Thüringer SPD unter Vorsitz von Heinrich Hoffmann die Vereinigungsbemühungen auch auf Landesebene. Am 6. Januar führten die Landesorganisationen beider Parteien ihre erste Einheitskonferenz durch, und wenige Tage später fand im Volkshaus eine gemeinsame Funktionärsversammlung der Ortsgruppen statt. Im Februar bereiteten sich beide Ortsgruppen gemeinsam auf den Vereinigungsparteitag vor und führten erste einheitliche Funktionärsschulungen durch. Am 15. April führte die neugebildete SED ihre konstituierende Sitzung durch.

Dank gebührt dem Stadtarchiv Weimar, das die Erstellung des Aufsatzes ermöglicht hat.

 
 

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